An diesem Wochenende werden die Uhren wieder zurückgestellt. Die Nacht wird zwar eine Stunde länger, doch ab Montag wird es spürbar früher dunkel. Spätestens jetzt merken viele: Der Herbst ist da.
Und er hat zwei Gesichter. Er verzaubert mit bunten Blättern, dem Duft von feuchtem Laub und einer Ruhe, die uns im Sommer oft fehlt. Gleichzeitig bringt er kürzere Tage, kühle Morgen, Nieselregen und lange Abende.
Wenn draußen alles grau ist, vergeht einem schnell die Lust auf einen Spaziergang, ein Treffen mit Freunden oder überhaupt auf das Rausgehen. Am liebsten würde man im Sessel bleiben, unter einer warmen Decke, mit einer Tasse Tee.
Daran ist nichts falsch. Schwierig wird es erst, wenn solche Tage immer häufiger werden und wir nach und nach auf Bewegung, auf Begegnungen und auf all das verzichten, was uns bisher Freude gemacht hat.
Ist das herbstliche Energietief also unvermeidlich? Oder kann man lernen, diese Jahreszeit ganz anders zu erleben? Die Wissenschaft hat dazu einige spannende Antworten.
1. Warum fehlt uns im Herbst manchmal die Energie?
Mit Willensschwäche hat das oft wenig zu tun. Im Herbst nimmt das Tageslicht ab, und damit können sich auch unser Schlafrhythmus, unser Antrieb und unsere Stimmung verändern.
Das amerikanische National Institute of Mental Health (NIMH) erklärt, dass die kürzeren Tage bei manchen Menschen auf die Stimmung schlagen. In ausgeprägten Fällen spricht man von einer saisonal abhängigen Depression, im Volksmund oft „Winterdepression“ genannt.
Aber nicht jeder trübe Herbsttag ist gleich eine Krankheit. Manchmal genügt es, ein paar Gewohnheiten im Alltag zu ändern.
2. Nicht auf die Sonne warten, sondern das Licht nutzen, das da ist
Eines der einfachsten Mittel: jeden Tag nach draußen gehen. Dafür muss nicht die Sonne scheinen. Auch an einem bewölkten Tag ist es draußen um ein Vielfaches heller als im Wohnzimmer.
Versuchen Sie, täglich wenigstens 15 bis 20 Minuten an der frischen Luft zu sein: der Weg zum Bäcker, eine kleine Runde durch den Park oder einmal gemütlich um den Block. Am besten gelingt das um die Mittagszeit, wenn es am hellsten ist.
Auch der britische Gesundheitsdienst NHS empfiehlt Menschen mit saisonalen Stimmungstiefs, so viel natürliches Tageslicht wie möglich zu tanken.
Oder, wie man bei uns sagt: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung. Das Wetter können wir nicht ändern, aber oft die Art, wie wir unseren Tag gestalten.
3. Bewegung tut nicht nur dem Körper gut, sondern auch der Seele
Im Herbst findet man leicht eine Ausrede, um zu Hause zu bleiben. Dabei lohnt sich regelmäßige Bewegung gerade in den kühleren Monaten besonders.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont, dass körperliche Aktivität bei älteren Menschen nicht nur die Beweglichkeit fördert, sondern auch die seelische Gesundheit, den Schlaf und die geistige Fitness.
Es muss nicht gleich das Fitnessstudio sein. Spaziergänge, Tanzen zur Lieblingsmusik, leichte Gymnastik oder Übungen im Sitzen sind ein guter Anfang. Viele Sportvereine und Volkshochschulen bieten außerdem spezielle Kurse für Ältere an, etwa Seniorengymnastik, Wassergymnastik oder Sitztanz.
Für Menschen ab 65 empfiehlt die WHO, soweit es die Gesundheit erlaubt, 150 bis 300 Minuten moderate Bewegung pro Woche. Das Wichtigste aber ist der erste Schritt. Ein wenig Bewegung ist immer besser als gar keine.
4. Herbst muss nicht Einsamkeit bedeuten
Wenn die Tage kürzer werden, schrumpft oft auch unser geselliges Leben. Man trifft Bekannte seltener, geht weniger gern aus dem Haus und verschiebt Besuche auf „irgendwann“.
Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC weist darauf hin, dass soziale Isolation und Einsamkeit mit einem höheren Risiko für gesundheitliche Probleme verbunden sind, darunter auch Depressionen.
Deshalb lohnt sich eine einfache Regel: Suchen Sie jeden Tag eine Gelegenheit, mit einem anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Ein Anruf bei einer alten Bekannten, ein Plausch mit dem Nachbarn über den Gartenzaun, ein gemeinsamer Kaffee oder ein Besuch im Seniorentreff oder Begegnungszentrum Ihrer Gemeinde.
Und wenn das Wetter so gar nicht zum Rausgehen einlädt, hilft das Internet: ein Chat, ein Videotelefonat mit den Enkeln oder ein paar Nachrichten hin und her. Auch hier bei 60plus.online finden Sie viele Möglichkeiten, mit Gleichgesinnten ins Gespräch zu kommen.
5. Dem Herbst eine neue Bedeutung geben
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Kinder sich so über eine Pfütze, ein buntes Blatt oder den ersten Schnee freuen können? Vielleicht, weil sie das Wetter nicht so streng beurteilen wie wir Erwachsenen.
Wir können versuchen, den Herbst mit anderen Augen zu sehen. Statt „Schon wieder Regen, wieder ein verlorener Tag“ könnten wir uns sagen: „Heute habe ich Zeit für etwas, wozu ich im Sommer nicht gekommen bin.“
Der Herbst ist eine wunderbare Zeit, um Neues zu entdecken. Sie könnten Ihre Lebenserinnerungen aufschreiben, die alten Fotoalben sortieren, das lange aufgeschobene Buch lesen, einen VHS-Kurs besuchen oder Lieblingsgerichte aus Ihrer Kindheit nachkochen.
Es geht nicht darum, ständig beschäftigt zu sein. Es geht darum, dass jeder Tag etwas hat, auf das man sich freuen kann. Das ist ein Vorschlag, den Alltag bewusst zu gestalten, aber keine Behandlung bei einer echten Depression.
6. Kleine Freuden machen einen großen Unterschied
Der Herbst lädt dazu ein, langsamer zu werden. Dagegen müssen wir nicht ankämpfen. Manchmal genügt es, eine Kerze anzuzünden, die Lieblingsmusik aufzulegen, einen duftenden Tee zu kochen und sich eine halbe Stunde für etwas Schönes zu nehmen. Die Dänen nennen das „Hygge“, wir sagen einfach: Gemütlichkeit.
Schaffen Sie sich ein eigenes Herbstritual: den Morgenkaffee am Fenster, den Spaziergang nach dem Mittagessen, die abendliche Lektüre oder ein festes Telefonat mit einem lieben Menschen.
Wichtig ist nur, nicht auf das zu verzichten, was Freude macht, bloß weil es draußen kalt und grau ist. Auch der NHS rät bei saisonalen Stimmungstiefs, den gewohnten Tagesablauf beizubehalten und auf regelmäßige Schlafenszeiten zu achten.
7. Meine Herbst-Herausforderung: sieben kleine Schritte
Mein Plan für die nächste Woche:
- Ich gehe jeden Tag wenigstens kurz spazieren.
- Ich rufe jemanden an, mit dem ich lange nicht gesprochen habe.
- Ich nehme mir Zeit für Lieblingsmusik oder ein gutes Buch.
- Ich mache jeden Tag ein paar Minuten Gymnastik.
- Ich verabrede mich zu einem Treffen.
- Ich probiere etwas Neues aus.
- Abends denke ich an eine schöne Sache des Tages zurück.
Tipp: Drucken Sie die Liste aus, hängen Sie sie an den Kühlschrank und haken Sie jeden Tag ab, was Sie geschafft haben.
8. Wann braucht der Herbstblues mehr Aufmerksamkeit?
Nicht jedes Stimmungstief lässt sich mit einem Spaziergang oder einem Kaffeekränzchen vertreiben.
Wenn Traurigkeit, Interessenverlust, Schlafprobleme oder deutliche Antriebslosigkeit länger als zwei Wochen anhalten, stärker werden oder den Alltag erschweren, sprechen Sie bitte mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt. Eine saisonale Depression ist eine echte Erkrankung, und sie lässt sich gut behandeln.
Wer einfach jemanden zum Reden braucht, erreicht die TelefonSeelsorge kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.
Zum Schluss: Auch der Herbst kann schön sein
Auf die Länge der Tage, den Regen und die Temperaturen haben wir keinen Einfluss. Wohl aber darauf, wie wir unseren Alltag gestalten.
Nicht jeder Tag muss voller Energie sein. Wir müssen auch nicht so tun, als würde uns das Herbstgrau immer begeistern. Es reicht, wenn wir nicht das Wetter über alles bestimmen lassen.
Vielleicht ist dieser Herbst genau die richtige Zeit, eine alte Freundschaft aufzufrischen, ein neues Hobby anzufangen, einen unbekannten Weg zu erkunden oder einfach öfter die kleinen Freuden zu bemerken?
Denn das Wetter draußen wechselt. Um die Sonne im Herzen aber können wir uns das ganze Jahr kümmern.
Ihre Redaktion von 60plus.online
Quellen:
National Institute of Mental Health (NIMH), USA: Informationen zur saisonal abhängigen Depression (Seasonal Affective Disorder) – nimh.nih.gov
NHS, Großbritannien: Ratgeber zu saisonalen Stimmungstiefs, u. a. Tageslicht, Bewegung, fester Tagesablauf – nhs.uk
Weltgesundheitsorganisation (WHO): Empfehlungen zu körperlicher Aktivität, auch für Menschen ab 65 – who.int
Centers for Disease Control and Prevention (CDC), USA: Informationen zu sozialer Isolation, Einsamkeit und Gesundheit – cdc.gov
TelefonSeelsorge Deutschland: kostenloses Gesprächsangebot rund um die Uhr – telefonseelsorge.de